Zwischen Erinnerung und Verantwortung – Gothaer Schüler auf den Spuren der Geschichte
05.03.2026
Vom 9. bis 13. Februar begaben sich 19 freiwillige Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassenstufe der Kooperativen Gesamtschule Herzog Ernst aus Gotha auf eine besondere Studienfahrt nach Polen. Ziel war die Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der
deutschen Geschichte – dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Ermöglicht wurde diese eindrückliche Reise durch die großzügige finanzielle Unterstützung der Bethe-Stiftung. Ohne diese Hilfe hätte die Fahrt in dieser Form nicht stattfinden können. Die Gruppe war in Oświęcim untergebracht, dem polnischen Namen der Stadt, die während der
deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg offiziell in Auschwitz umbenannt wurde. Von hier aus besuchten die Schülerinnen und Schüler am 10. Februar zunächst das Stammlager Auschwitz I sowie das weitläufige Lager Auschwitz II-Birkenau.
Schon im Vorfeld war vielen bewusst, dass sie keine gewöhnliche Klassenfahrt erwartete. „Bevor wir nach Auschwitz gefahren sind, wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde“, schreibt Johanna Schröder in ihrer Reflexion. Zwar habe sie im Geschichtsunterricht bereits viel über den Holocaust erfahren, doch vor Ort zu sein, habe ihr Bewusstsein noch einmal deutlich vertieft. Besonders die Größe des Geländes habe sie überrascht: „Vor allem das Lager Auschwitz II-Birkenau wirkte auf mich unvorstellbar groß“. Mitten auf diesem Gelände zu stehen, „auf dem so viele Menschen ermordet wurden“, sei sehr schwer gewesen. „Ich fühlte mich leer“.
Auch Alia Bauer beschreibt die nachhaltige Wirkung der Eindrücke: „Bilder im Kopf, die prägen. Sie prägen mich für sehr lange Zeit“. Die Erfahrung sei „sehr furchteinflößend und entsetzlich“ gewesen. Dennoch habe sich der Ausflug „sehr ‚gelohnt‘“, da man Geschichte nicht nur aus dem Schulbuch lerne, sondern „genau dort steht, wo erschreckende Geschichte
geschrieben wurde“. Die persönlichen Gegenstände der Opfer hinterließen bei vielen einen besonders tiefen Eindruck. Tia Vori berichtet, sie sei vor allem von den Ausstellungen mit Schuhen, Koffern und Fotos bewegt gewesen. Diese hätten ihr gezeigt, „dass hinter den Zahlen echte Menschen mit eigenen Geschichten standen“. Geschichte bestehe eben nicht nur aus Daten und Fakten, sondern aus den Schicksalen realer Menschen.
Neben dem Besuch der Gedenkstätte stand auch das Jüdische Zentrum in Oświęcim auf dem Programm. Zudem besuchte die Gruppe die Dauerausstellung „Bilder im Kopf“ des AuschwitzÜberlebenden Marian Kołodziej im Kellergewölbe des Klosters Harmęże. Seine eindringlichen Zeichnungen, die das Leben und Leiden der Gefangenen dokumentieren, berührten die Schülerinnen und Schüler besonders. Alia Bauer schreibt, ihre „Gänsehaut hat mich die ganze Reise lang begleitet, vor allem in der Kunstausstellung über das Leben eines Gefangenen in Auschwitz“.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Erlebten setzte sich auch nach den Führungen fort. „Abends haben wir uns als Gruppe immer wieder zusammengesetzt und über das Erlebte gesprochen. Es tat gut, die eigenen Gedanken und Gefühle teilen zu können“, berichtet Johanna Schröder. Jeder sei anders mit den Eindrücken umgegangen, doch der gemeinsame Austausch habe geholfen, das Gesehene zu verarbeiten.
Den Abschluss der Studienfahrt bildete ein Aufenthalt in Krakau. Bei einer Führung durch das jüdische Viertel wurde die Geschichte des jüdischen Lebens in Polen vertieft – nicht nur in seiner Zerstörung, sondern auch in seiner kulturellen Bedeutung und Wiederbelebung. Am Ende der Fahrt stand bei vielen die Erkenntnis, wie wertvoll Freiheit und Menschlichkeit sind. Johanna Schröder fasst ihre Gedanken in einem selbstgewählten Leitspruch zusammen: „Für die Freiheit ohne Unmenschlichkeit“. Die Reise habe ihr gezeigt, „wie wertvoll ein Leben in Freiheit ist und wie wichtig es ist, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich solches Leid niemals wiederholt“.
Auch Tia Vori zieht ein klares Fazit: Obwohl Auschwitz „kein einfacher Ort ist“, finde sie, „dass jeder einmal dort gewesen sein sollte, um die Geschichte besser zu verstehen und daraus zu lernen“.
Für die 19 Jugendlichen aus Gotha war diese Studienfahrt weit mehr als eine Reise ins Ausland. Sie war eine Begegnung mit der Vergangenheit – und zugleich ein Auftrag für die Zukunft.