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Botschafterin der Humanität

  22.10.2023

Botschafterin der Humanität

Zeitzeu­gen­ge­spräch mit Edith Erbrich an der KGS

Tiefe Stille und Betrof­fenheit herrschte während des Berichts von Edith Erbrich unter den Zuhörern. Wie schon am Vortag in der Evange­lischen Regelschule berichtete die Zeitzeugin am 17. Oktober vor 70 Schülern der KGS Herzog Ernst eindrucksvoll über ihr Leben. Als Kind erfuhr die heute 86-jährige Ausgrenzung und Stigma­ti­sierung. Die Tochter eines Juden und einer Katholikin musste einen gelben Stern an der Kleidung tragen und durfte nicht in die Schule gehen. Edith Erbrich erlebte den Bombenkrieg in ihrer Heimatstadt Frankfurt, wurde verschüttet und überlebte. Anfang 1945 pferchten die Nazis ihren Vater mit seinen Kindern in einen Viehwaggon und verschleppten sie in das KZ Theresi­enstadt, wohin schon die Großeltern deportiert worden waren. Die Familie wurde ausein­an­der­ge­rissen. Auch die Kinder mussten Zwangs­arbeit leisten. Der Großvater überlebte nicht. Nach der Befreiung fanden Vater und Kinder wieder zusammen und schlugen sich nach Frankfurt zur Mutter durch. Die Oma kam über das Rote Kreuz nach. Nur langsam gelangte Edith Erbrich in ein normales Leben zurück.

Hass empfindet Erbrich nicht. Sie ist bis heute ihren vielen „stillen Helfern“ dankbar, die es neben den unerbitt­lichen Tätern auch gab – den Frankfurter Kohlen­männern, die jüdischen Kindern heimlich Briketts zusteckten, dem Chef ihrer Mutter, der sie bei Bomben­an­griffen nach ihrer Familie sehen ließ, den Menschen, die die aus dem Zug geworfenen Postkarten des Vaters an die Mutter in die Briefkästen warfen, …

„Wie verarbeitet man solche schreck­lichen Erlebnisse?“, fragte Schülerin Jordan Ott. „Ich hatte Glück, dass ich überlebte. Ich hatte eine Familie, die mich auffing, und eine Lehrerin, die mir half.“ Heute gibt Edith Erbrich gibt ihre Geschichte an Jugendliche weiter. Für dieses Engagement erhielt sie 2007 das Bundes­ver­dienstkreuz. „Gab es auch später noch Antise­mi­tismus?“, interes­sierte sich Johanna Schwarzkopf. Die Antwort war bitter: „Leider ist dieser alltäglich. In Offenbach werden Rabbiner auf der Straße bedrängt, wenn sie eine Kippa tragen – diese Situation ändert sich nicht und wird sich auch nicht ändern.“

Auch zur aktuellen Situation äußerte sich die Zeitzeugin. „Ich verstehe nicht, woher dieser Hass in der Welt kommt. Ich habe in meinem Leben viele Menschen kennen­gelernt mit unterschied­licher Nationalität, Religion und Hautfarbe, mit verschiedenen Auffas­sungen. Alle könnten miteinander friedlich zusammenleben.“

 

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